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Ralf Scheidler [rs]
Experte für Futter jeglicher Art mit Tendenz zum epischen Siechtum
8.5 Punkte
Sonderlich viele Freunde haben sich die Krefelder Vorzeigemetaller in der jüngsten Vergangenheit nicht unbedingt gemacht: Nachdem vielen Fans bereits „Nightfall...“ etwas zu konzeptlastig war, legte man mit „A Night...“ heiß diskutierte 5 Fantastrilliarden Spuren aufs Parkett und schob zu guter Letzt den auffällig modernen Spalter „A Twist In The Myth“ hinterher. Wer in dieser prekären Situation neben einer Studioscheibe dann auch noch ein reines Orchesteralbum ankündigt, hat entweder verdammt dicke Eier in der Hose - oder er ist vom aktuell eingeschlagenen Weg absolut überzeugt. Ob „At The Edge Of Time“ dem nicht geringen Erwartungsdruck standhält, sollen die folgenden Zeilen zeigen.

Los geht es mit dem bereits vorab veröffentlichten Song „Sacred Worlds“, der im Rollenspiel „Sacred 2“ Verwendung fand, für das Album aber deutlich überarbeitet wurde. Prägendstes Element sind hierbei sicherlich die Orchestereinschübe, die vom Start weg überzeugen: Die Streicher sind gleichermaßen ätherisch wie kraftvoll, gewinnen unter Hinzunahme von Chor und Holzbläsern zunehmend an Dramatik, bevor es mit schmetternden Blechbläsern und galoppierenden Drums schließlich ins Getümmel geht. Der Song selbst ist mit mehr als 9 Minuten natürlich kein klassisch schneller Opener, sondern eher eine hochdynamische Einladung, sich auf den mystischen Grundton der Scheibe einzulassen, der den Hörer auch bei den flotteren Stücken nicht verlassen wird. Der stete Wechsel zwischen erschlagender Breitwand und zerbrechlichen Strophen, zwischen besänftigenden Streichern und treibenden Gesangslinien, ist nicht zuletzt dank der enorm klaren und drückenden Produktion ein absoluter Genuss – den Weg zurück zur metallischen Frühzeit hat man glücklicherweise für immer versiegelt.
Mit „Tanelorn“ wird es anschließend dennoch etwas schneller und basischer, wodurch im Gegenzug mehr Gewicht auf den Gesangslinien liegt. Selbige sind in Sachen Kürsch mit „typisch BG“ recht gut umschrieben, dazu kommt ein exzellenter Cast an Backgroundsängern, die ansonsten unter anderem bei VAN CANTO Dienst schieben. Im Grunde findet sich auf dem ganzen Album keine schlechte Linie; dafür sollte man vielleicht erwähnen, dass es in Sachen Gesangsanteil wieder etwas in Richtung „A Night At The Opera“ geht: Den klar abgegrenzten Vers-Chorus-Schemata sind BLIND GUARDIAN bekanntlich entwachsen und so gibt es auch hier eine Reihe von vokalen Einschüben, die Gitarrenmelodien aufnehmen, erweitern, die sich immer weiter nach oben schrauben und durch ihren unglaublichen Fluss wahlweise Entzücken oder Unverständnis auslösen werden. Nachzuhören beispielsweise beim unaufgeregten „Road Of No Release“, aber auch im flotten Kracher „Ride Into Obsession“, der die Doublebass vereinzelt bis zum Bodenblech der Oldschool-Seligkeit durchtritt.
Besonderes Augenmerk verdient die traditionelle Halbballade, die hier in Form von „Curse My Name“ die Mitte des Albums markiert. Natürlich bleibt „A Past And Future Secret“ einmal mehr unerreicht, aber zumindest toppt man „The Maiden...“ unerwartet deutlich und sorgt dank irischer Einflüsse, sowie Spieluhr- und Stepdance-Einlagen im mittleren Drittel für Wiedererkennungswert. Die so etabliert Stimmung nimmt das folgende „Valkyries“ dankbar auf und entwickelt sich dank wunderbarer Melodien recht bald vom unscheinbaren First-Time-Skipper zu einem soliden Übergangssong.
Etwas Fahrt nimmt die Scheibe anschließend bei „Control The Divine“ auf, denn hier wird einmal mehr der Gegensatz zwischen Metal-Passagen und sehr zurückhaltenden Einschüben samt Akustikgitarre ausgereizt, bevor es mit der Pianoversion von „War Of The Thrones“ wieder besinnlich wird. Sicher nicht jedermanns Sache, aber die vielschichtige Verbindung von Orchester, Piano und hochklassigen Gesangslinien mit walzerartiger Rhythmik verbreitet genau diese Stimmung, die BLIND GUARDIAN einst zum bevorzugten Soundtrack für Rollenspielabende gemacht hat.
Stimmung ist dann auch das richtige Wort für die beiden letzten Stücke der Scheibe: „A Voice In The Dark“ zieht das Tempo erneut an und ist definitiv eine der besten Nummern auf „At The Edge Of Time“ - hier stimmt vom Riffing über den Gesang bis hin zum saftigen Metalsound wirklich alles, womit die Frage des zukünftigen Livefavoriten schnell und schmerzlos geklärt wäre. Mein persönlicher Favorit folgt allerdings mit dem 9-Minüter „Wheel Of Time“, was nicht nur an der grandiosen Verbeugung vor Robert Jordans Lebenswerk liegt, sondern auch an der musikalischen Umsetzung: Die Band wirft mit dramatischen Orchestereinsätzen jenseits der klassischen Streicherbesetzung nur so um sich, bleibt dabei trotzdem des Öfteren im Doublebass-Bereich, und serviert mit dem akzentuierten Chorus einen absoluten Hammer. Spätestens ab der mittig gesetzten orientalischen Passage, die Scheherazade gekonnt mit einem Schleier orchestraler Details umschmeichelt, ist „Wheel Of Time“ im Olymp des GUARDIAN-Schaffens angelangt – und wir am Ende dieser Besprechung.

Zusammenfassend ist BLIND GUARDIAN mit „At The Edge Of Time“ ein Album gelungen, das weder alte Zeiten heraufbeschwört, noch mit aller Macht nach substanziellen Veränderungen giert. Die Wahrheit ist sehr viel einfacher: Über knapp 64 Minuten finden sich hier hochmelodische, vielseitig arrangierte und die komplette Bandbreite von orchestralem Bombast bis Power Metal abdeckende Einzelstücke, die von den märchenhaft-erhebenden Langspielern „Sacred Worlds“ und „Wheel Of Time“ kongenial umrahmt werden. Dass dabei die eigene Vergangenheit zitiert wird, versteht sich von selbst - man hat jedoch nicht das Gefühl, dass die erprobte Blaupause wieder und wieder durch den Kopierer gezogen wird. BLIND GUARDIAN perfektionieren vielmehr die Umsetzung ihres eigenen Anspruchs an ihr Schaffen.
Im Ergebnis ist „At The Edge Of Time“ daher songorientierter als das arg zergliederte „Nightfall...“, beschwört jedoch durch seinen nicht abreißenden Fluss eine ähnlich anderweltliche Stimmung herauf, die im Metalbereich ohne Vergleich dasteht. BLIND GUARDIAN sind – ganz banal – BLIND GUARDIAN, und auf der aktuellen Scheibe vielleicht so sehr, wie seit „Imaginations...“ nicht mehr. Natürlich wird das Album je nach Vorliebe an ganz unterschiedlichen Stellen der persönlichen Metal-Skala seinen Platz finden – ich denke jedoch, dass es einen Platz finden sollte. Und wer weiß: Nach weiteren 50 Durchgängen lege ich vielleicht noch einen Punkt drauf...

Nachtrag: Die Bonus-CD blieb bei der Wertung außen vor, jedoch stellen zumindest die enthaltenen Audiostücke eine gelungene Ergänzung dar. Auch die Dokumentation der Aufnahmen ist sehenswert und da die Doppel-CD samt Downloadcode zum gleichen oder niedrigeren Preis erscheint, ist sie inhaltlich natürlich erste Wahl. Einziges Manko: Das Digipak ist etwa doppelt so dick wie eine reguläre CD und dürfte damit schwer in einem Ständer unterzubringen sein.

02.09.10 · 1124x gelesen 19 Kommentare


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Blind Guardian - At The Edge Of Time

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CD-Info
Genre: Melodic Progressive Metal
Label: Nuclear Blast
Format: CD, 2xCD
Release: 30.07.2010
Spielzeit: 63:54 min

Tracklist
1.  CD 1: Sacred worlds
2.  Tanelorn (Into the void)
3.  Road of no release
4.  Ride into obsession
5.  Curse my name
6.  Valkyries
7.  Control the divine
8.  War of the thrones
9.  A voice in the dark
10.  Wheel of time
11.  CD 2: Sacred words (Pre-Production Version)
12.  Wheel of time (Orchestral Version)
13.  You're the voice (Radio Edit)
14.  Tanelorn (Into the void) (Demo)
15.  Curse my name (Demo)
16.  A voice in the dark (Demo)
17.  Sacred (Video)
18.  A journey to the edge of time (Studio Documentary)


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http://www.blind-guardian.com


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