Heidentum ist Widerstand


Interview mit Helheim
Black Viking Metal aus Norwegen - Bergen
Manchmal erhält man den Eindruck, daß in heutigen Tagen mehr Vikinger in der Gegend rum traben als zu den eigentlichen Hochzeiten der Hornhelmträger. Jeder, der schon einmal das Bild eines Drachenbootes im Bilderlexikon betrachten durfte, würde liebend gerne im Namen Odins alle Christen das Fürchten lehren. Umso schöner ist es, all die Nachahmer hinter sich zu lassen und einen der Mitgegründer des Viking-Genres zu Wort kommen zu lassen. Meister V´gandr hat die Tür zu Helheim hinter sich abgeschlossen, um sich auf den Weg zur Blutkammer zu begeben. Here we go…

Hallo V´gandr, zu allererst mal Glückwunsch für eine weitere wirklich gelungene CD. Wie geht´s dir? Auch vom Fußball-Weltmeisterschafts-Virus infiziert?


Mir geht´s gut, und natürlich bin ich von dem Virus infiziert. Ich drücke der deutschen Mannschaft die Daumen, die scheinen im Moment ja echt nicht zu schlagen zu sein.

Hat´s dir auch Spaß gemacht, zu sehen, wie der Erzfeind Schweden das Feld räumen musste?

Nun, eigentlich sind wir ja keine Erzfeinde, aber sie haben schon ein paar Spieler, die ich nicht besonders mag.

Ok, dann laß uns mal auf eher musikalische Themen zu sprechen kommen. Wie oben bereits erwähnt, habt ihr mit „The Journeys And The Experiences Of Death“ ein neues Album auf den Markt gebracht, das sich Todesritualen in der nordischen Mythologie beschäftigt. Meiner Ansicht nach scheinen die Texte recht philosophisch ausgefallen zu sein. Kannst du uns bitte mal etwas über die einzelnen Songs, speziell über die Lyrics, erzählen?

Ok, eine kurze Erläuterung zu allen Tracks:
Der Opener heißt „Veneration For The Dead“ und fasst kurz zusammen, wie man mit dem Toten umgeht und welche Vorteile das Leben nach dem Tod bringt.
„Dead Man´s Eyes“ handelt von einem hochrangigen Menschen, der ein absolut grausames Leben führte. Das wirkt sich dann auch auf sein Leben nach dem Tod aus, und alle die, die in seine Augen starren, werden verhext werden. Selbst auf Tiere kann sich dies auswirken, und das führt uns damit zu Song Nr. 3, „Bewitchment“. Die Hinterbliebenen bemerken diese Auswirkungen und versuchen, den Mann ein weiteres Mal zu begraben und zu verbrennen. Quasi, ein zweiter Tod. Der Tote aber ist hartnäckig und seine Macht kann nicht einfach so zerstört werden. Die Ochsen, die als erstes verhext wurden, schoben die Steine, unter denen die Toten begraben wurden, zur Seite und gebaren einen Bullen. Wie du sehen kannst, erfährt der Mann eine Wiedergeburt, dieses Mal allerdings in Gestalt eines Bullen. Leider wurde dieser komplett wahnsinnig und ertränkte sich in einem Sumpf. Soviel zum Song „Entering The Beast“. Wie du siehst, gibt es hier 2 verschiedene Konzepte des Todes.
Dann geht es auf die Reisen: „Helheim 5“ ist ein Instrumental, das von von der Reise zu einem dunklen Ort handelt. Mit diesem Thema haben wir uns jedoch so oft auseinandergesetzt, dass wir das jetzt mal außen vor lassen.
„Oaken Dragons“ handelt von der traditionellsten und bekanntesten Jenseitsreise in einem angezündeten Boot. Es beschäftigt sich mit Abschiedsgedanken und einer Vorstellung, was diese Reise bringen mag. In „13 To The Perished“ geht´s um die verschiedenen Geschenke, die einen Toten auf seiner letzten Reise begleiten. Die 13 steht hier als Symbol für 13 Pferde. Der letzte Song „The Thrall And The Master“ zeichnet ein Bild von einer vollzogenen Opferung, in diesem Fall eine Frau und dem, was sie sich davon verspricht, sich willentlich verbrennen zu lassen.

Wenn ich mir das Booklet durchlese, fällt auf, daß du als einziger für die Texte verantwortlich bist. Sind die anderen 3 zu faul zum Texte schreiben, oder beschäftigst du dich als einziger mit nordischer Mythologie?

Ich habe schon immer die Texte geschrieben, und wir wollen das auch so handhaben. Ich mag es sozusagen, die totale Kontrolle über das Helheim-Reich zu behalten. Außerdem kenne ich mich auch am besten mit dieser Materie aus, und ich vermute mal, die anderen haben eh keine Lust, irgendwas zu schreiben.

Woher kommt eigentlich diese Faszination bezüglich Mythologie? Hat dich das Zeug schon immer interessiert?

Ich interessiere mich dafür schon seit langer Zeit. Als Black Metal sein Revival hatte und Satanismus populär wurde, hatte ich selber darauf keine Lust, so dass ich mir ein neues Territorium gesucht hatte und mit der nordischen Mythologie fündig wurde.

Helheim war eine der ersten Bands der zweiten Black Metal-Welle, die Black Metal mit Viking-Texten kombinierte. Macht es dich stolz, eine ganze Szene damit inspiriert zu haben? Was hältst du von „neuen“ Acts, wie beispielsweise Amon Amarth, die mit diesem Thema recht erfolgreich sind?

Ich weiß, dass wir mit die ersten in diesem Gebiet waren, aber ich denke nicht, dass wir damit irgendjemanden groß beeinflusst haben. Zumindest habe ich davon noch nichts gehört.

Dann laß uns jetzt mal einen Blick auf Mitte der Neunziger richten, als ihr euer Debüt “Jormundgand” veröffentlicht habt. Wenn man dieses mit dem neuen Album vergleicht, muß man feststellen, dass sich die Musik technisch und auch musikalisch ziemlich verändert hat. War dieser Wechsel gewollt? Beispielsweise klingt deine Stimme heutzutage komplett anders und ich vermisse solch innovative Instrumente wie die Trompete, die ihr beim Debüt eingesetzt habt.

Wir waren schon immer eine Band, die sich weiterentwickeln wollte, und ich finde es absolut natürlich, musikalisch besser zu werden. Bestimmt gibt es auch Bands, die das nicht für nötig halten, uns würde eine Stagnation jedoch langweilen. Wir stehen felsenfest hinter jedem unserer Alben, aber ein zweites „Jormundgand“ zu schreiben, wäre unmöglich und auch unnötig.

Was mir noch aufgefallen ist: ihr hattet zuvor eure Texte komplett in Norwegisch gehalten, über die Jahre dann aber immer öfter in Englisch geschrieben. Die neue CD ist gar komplett in englischer Sprache gehalten. Warum habt ihr euch von eurer Muttersprache weg bewegt?

Da „The Journeys…“ ein Konzept-Album ist, hätte ein Englisch-/Norwegisch-Wechsel den Fluß gestört. Aber wir haben uns bereits darüber unterhalten, wieder mehr in norwegischer Sprache zu schreiben. Ich habe diesbezüglich auch schon einige neue Texte geschrieben.

Auf der “Terrorveldet”-CD habt ihr mit dem ersten Part des Songs “Helheim” begonnen, der sich in fortlaufenden Parts über die folgenden Alben zog. Zwischen Part 2 (auf „Blood Og Ild“) und Part 4 („Yersinia Pestis“) fehlt allerdings ein Teil. Habt ihr den 3. Teil verloren? Kannst du uns etwas über dieses Fortsetzungen berichten?

Der dritte Teil ist auf der MCD “Helsviti” enthalten, die nun als Bonus CD („The Journeys…“ erscheint als Doppel-CD – d. Verf.) erscheint. Die Parts sind nur kleine Instrumental-Parts, die den Bandnamen representieren. Und die Nummerierungen repräsentieren nur die 9 Ebenen in der nordischen Mythologie. Das ist alles.

Wo wir gerade über das Thema „Mythologie“ reden: Heutzutage werden gerade in Deutschland nordische Symbole (beispielsweise Runen) von einer nationalsozialistischen Black Metal-Szene für ihre eigenen Zwecke missbraucht. Hast du keine Bedenken, dass ihr aufgrund der Symbolik und der Texte in einer ähnlichen Ecke landen könntet?

Wir haben diese Erfahrung seit dem ersten Tag gemacht, wobei es uns jedoch nichts ausmacht, zu versuchen zu erklären, dass wir eine absolut unpolitische Band sind. Die, die uns kennen und unterstützen, wissen das auch. Trotzdem ist es mühsam und auch sinnlos, sich immer wieder gegen solche Behauptungen wehren zu müssen!

Kommen wir mal wieder zurück zur neuen CD, die dieses Mal im Conclave Media Studio aufgenommen wurde. Wieso seid ihr nicht mehr zu Pytten ins Grieghallen gegangen? Und wer ist der neue Produzent Bjornar Erevik Nilsen?

Nilsen ist ein neuer und viel versprechender Produzent aus Bergen. Wir haben das Album rein zufällig dort aufgenommen, da wir eigentlich nur die Vorproduktion in seinem Studio machen sollten. Wir haben jedoch schnell festgestellt, dass der Mann eine Menge Potenzial hat, also gaben wir ihm eine Chance.

Über die Jahre wart ihr bei verschiedenen Labels unter Vertrag. „The Journeys…“ wird jetzt unter dem Banner des unbekannten Dark Essence-Label veröffentlicht. Welche Probleme hattet ihr mit euren früheren Plattenfirmen, und was kannst du über euer neues Label sagen?

Dark Essence ist eine Plattenfirma aus Bergen. Sie scheint recht viel versprechend zu sein, also haben wir auch ihr eine Chance gegeben (lacht). Was die Sache mit Massacre angeht: Wenn feige Menschen Angst haben, dir eine richtige Antwort zu geben, ignorieren sie dich halt. Das gleiche war auch bei Ars Metalli der Fall.

Für die Songs “Oaken Dragons” und “The Thrall And The Master” hat Jiri Valter von der legendären Band Root Gastvocals beigesteuert. Wie seid ihr mit dem Mann in Kontakt gekommen?

Wir haben ihm einfach eine Mail geschickt, und er hat “ja” gesagt. Wir alle sind Fans von Root und dachten, dass sein Gesang gut zu diesen Songs passen würde. Aber auch MU von Corvine hat einen großartigen Job bei „Oaken Dragons“ gemacht, und wir werden ihn wohl auch zukünftig dabei haben.

Wo wir gerade von Legenden reden: Helheim wurde 1992 gegründet, als sozusagen alles angefangen hat. Wart ihr in die Black Metal-Szene dieser Zeit involviert? Habt ihr selber alles mitbekommen, was um die Musik selber herum damals passierte, also die Verbrechen, die zu der Zeit begangen wurden? Ich denke mal, dass ihr diese Frage recht häufig hört, aber es ist halt einfach interessant, aus erster Hand zu erfahren, was damals abging.

Um Helheim herum war es eigentlich ruhig, da wir eine Band sind, deren Mitglieder meist nur untereinander abhängen. Wir hielten uns immer im Hintergrund und wollten mit den Geschehnissen nichts zu tun haben. Sicher, wir haben schon mitbekommen, was los war, waren aber nie direkt beteiligt.

Wann bist du eigentlich mit Metal in Berührung gekommen? Und welche Bands haben dich beeinflusst?

Ich bin eigentlich so lange ich mich erinnern kann Metal-Fan, aber meine ersten Faves waren Twisted Sister. Darüberhinaus war Black Metal mein Haupteinfluß.

Nun denn, kommen wir zu den letzten beiden Fragen: Was trinken Vikinger lieber? Bier oder Met? Und – natürlich – wer wird Weltmeister?

Bier

Deutschland

Dann danke ich dir für das Interview und wünsche dir weiterhin viel Erfolg. Vielleicht sieht man sich ja mal auf einer Tour. Die letzten Worte gehören dir:

Vielen Dank! Und denk dran: „Heathendom is resistance!“
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