Slayer-Beat ist langweilig!


Interview mit Criminal
Thrash Metal aus Chile - Santiago de Chile
Die chilenisch-englischen Thraser CRIMINAL sind wahrscheinlich eine der beständigsten und sympathischsten Bands des Genres, haben aber trotz diverser hochklassiger Alben immer noch nicht den großen Durchbrauch geschafft. Bandleader Anton Reisenegger verrät uns die Gründe dafür und spart auch nicht mit Details zum neuen Album „White Hell“.


Hallo Anton,
in den letzten Jahren habe ich mich immer wieder gefragt, wann denn endlich eure neue Platte rauskommt. Die Veröffentlichung von „Sicario“ liegt ja nun schon wieder vier Jahre zurück. Wieso hat es diesmal wieder so lange gedauert? „Sicario“ war im Vergleich zu „No Gods No Masters“ ja ein richtiger „Schnellschuss“…

Anton:
Es ist da Einiges zusammen gekommen, was verhindert hat, dass die Platte eher erscheinen konnte. Zunächst einmal waren da eine Menge persönlicher Angelegenheiten, die einfach Vorrang nehmen mussten. Dann war eine Zeit lang die Stimmung in der Band nicht die beste, was ich darauf zurückführe, dass nach dem Release von „Sicario“ trotz bester Kritiken nicht viel passierte. Und letztendlich war da noch die Labelsuche, was auch wieder ein paar Monate in Anspruch genommen hat. Vom Schreiben der Songs und der Produktion selbst her hätten wir das Ding aber eigentlich schon locker vor zwei Jahren veröffentlicht haben können.

Ebenfalls habe ich immer darauf gewartet, euch mal live sehen zu können. Wenn ich mich recht erinnere, hat es aber keine Support Tour für „Sicario“ gegeben, zumindest nicht auf dem europäischen Festland. Woran lag es? Und können wir denn davon ausgehen, euch mit „White Hell“ mal bei uns touren zu sehen?

Anton:
Das hängt eher von unserem neuen Label ab. Es ist ja eine bekannte Tatsache, dass Bands auf unserem Level draufzahlen müssen, um auf Tour gehen zu können, und da wir selbst nicht gerade reich sind, sind wir auf den Support unserer Plattenfirma angewiesen. Und die wollen nun mal erst Verkaufszahlen sehen.

Du hast es schon agesprochen, ihr habt einen Labelwechsel hinter euch und seid von Metal Blade zu Massacre gewechselt. Ohne jetzt schmutzige Wäsche zu waschen: was waren die Gründe und wie gut fühlt ihr euch nun aufgehoben?

Anton:
Mit Metal Blade hat sich das irgendwann totgelaufen. Wie du schon erwähntest haben wir zum letzten Album nicht getourt, und auch anderweitig hatten wir den Eindruck, keine besondere Priorität zu genießen. Dazu möchte ich aber auch sagen, dass ich persönlich überhaupt kein Problem mit den MB-Jungs habe, ganz im Gegenteil, wir sind weiterhin bestens befreundet. Was Massacre angeht müssen wir einfach mal abwarten, was kommt. Bis jetzt machen sie einen guten Job, finde ich.

Ebenfalls neu ist nicht nur eure Plattenfirma sondern auch der Bassist. Juan Cueto wurde von Dan Biggin abgelöst. Warum habt ihr euch (wieder) getrennt und was hat Dan zum CRIMINAL Sound beigetragen?

Anton:
Juan ist 2005 für ein paar Monate nach Europa gekommen, um sich mal umzuschauen, und da wir in dem Moment ohne Basser dasaßen, war es eigentlich nur logisch, ihn zu bitten, das Album mit uns aufzunehmen und anschließend ein paar Gigs mit uns zu spielen. Es wurde uns aber recht schnell klar, dass er sich hier nicht einleben und zurück nach Chile gehen würde.
Dan hatte vor ein paar Jahren mal als Guitartech für uns gearbeitet, war aber dann ne Weile von der Bildfläche verschwunden, meldete sich aber sofort, als er erfuhr, dass wir einen neuen Tieftöner brauchen. Zum Sound hat er vor allem dadurch beigetragen, dass er das neue Album in seinem eigenen Studio koproduziert hat. Außerdem hat er zwei Songs geschrieben. Einer davon, „Bastardom“, ist auf dem Album zu hören, den zweiten haben wir als Bonustrack für die südamerikanische Version genommen.

Kommen wir mal etwas genauer auf „White Hell“ zu sprechen. Das Album würde ich als ein typisches CRIMINAL Album einstufen, ihr seid eurem Stil ohne Zweifel treu geblieben. Wie waren denn bis jetzt die Reaktionen auf die Scheibe?

Anton:
Bisher sind die Reaktionen fast ausschließlich positiv. Sagen wir mal so, wer bis jetzt noch gar nichts mit CRIMINAL hat anfangen können, den wird diese Platte wahrscheinlich auch nicht „überzeugen“, aber diejenigen, die diesen Sound mögen, finden die Platte geil. Viele Leute behaupten gar, es sei unsere Beste bisher!

Mir ist aufgefallen, dass ihr auf „White Hell“ die Songs größtenteils in einem Tempo gehalten habt. Richtig schnelle Raser gibt es eigentlich ebenso wenig wie langsame, zähflüssige Walzen. Ist das Zufall, oder liegen euch solche „Extreme“ generell nicht?

Anton:
Kann schon sein, dass wir uns im Midtempo am wohlsten fühlen, obwohl wir vom Blastbeat bis hin zum CROWBAR-Sludge schon alles ausprobiert haben. Ich finde aber generell Bands, die über ein gesamtes Album diesen typischen SLAYER-Beat fahren, extrem langweilig. Weiß nicht, ist wohl Geschmackssache.

Auf „Sicario“ sind mir einige Songs in guter Erinnerung geblieben (z.B. das Titelstück, „Rise And Fall“ oder „Time Bomb“), bei „White Hell“ fällt es mir (noch) schwer, mir bestimmte Songs herauszupicken, da das Album sehr ausgeglichen klingt. Was sind deine persönlichen Lieblingssongs von „White Hell“?

Anton:
Das ändert sich andauernd, aber ich finde den Opener [„21st Century Paranoia“ – mh] super, und vom Aufbau und dem Gitarrensolo her „Incubus“. „Invasion“ finde ich auch cool, weil so viele geile Riffs drin vorkommen.

Leider enthielt meine Promo CD keine Lyrcis. Da ihr aber als politische Band, bzw. als eine Band, die etwas zu sagen hat, bekannt seid, hast du jetzt Gelegenheit, unseren Lesern etwas über die Inhalte, die dir am Herzen liegen, mitzuteilen.

Anton:
Ach, da sollen sie sich die Texte am besten selbst durchlesen. Es sind wieder viele weltpolitische Themen dabei, vor allem in Bezug auf religiösen Extremismus, aber es sind auch wieder viele persönliche Sachen dabei, die ich aber versuche, so metaphorisch wie möglich zu verpacken. Und diesmal gibt es auch zwei Songs über das weibliche Geschlecht, was für uns absolut neu ist. Ich möchte aber nicht mehr verraten, die Leute sollen sich lieber ihr eigenes Bild machen.

Auf den meisten eurer Alben hattet ihr auch einen spanischen Song in der Tracklist, dieser fehlt diesmal. Warum hat es sich diesmal nicht ergeben bzw. was muss einen Song ausmachen, damit ihr ihn in eurer Muttersprache aufnehmt?

Anton:
Wir haben schon einen Song auf spanisch aufgenommen, und zwar „Hermanos Dementes“, der aber lediglich als Bonustrack der südamerikanischen Version erscheinen wird, weil er nicht so recht ins Gesamtgefüge passen wollte. Die Musik stammt von Dan, und der Text von mir. Darin geht es um unsere Fans, es ist sozusagen eine Hommage an sie.
Ich weiß nicht, um einen Text auf spanisch zu schreiben muss er schon eine besondere Bedeutung haben, irgendeinen Aspekt, der ihn für unsere südamerikanischen Fans besonders interessant oder wichtig macht.

Ist es eigentlich immer noch so, dass du in Deutschland lebst und der Rest der Band in England?

Anton:
Nein, ich bin vor etwa einem Jahr ins Baskenland, bzw. Nordspanien, gezogen. Der Rest der Band ist aber weiterhin in dem UK.

Habt ihr noch gute Kontakte zu der Szene in Chile? Wie sieht man euch dort, seitdem ihr nicht mehr so präsent seid?

Anton:
Wir spielen mindestens einmal im Jahr dort, und ich finde, unser Status hat sich durch unsere relative Abwesenheit eher verbessert als verschlechtert. Es scheint mir, dass die Leute uns jetzt erst richtig schätzen, wo wir nicht jede Woche irgendwo live zu sehen sind.

Liegt es im Bereich des Möglichen, dass du eines Tages wieder zurückgehst?

Anton:
Ja, durchaus, aber wohl noch nicht so bald. Im Alter würde ich aber schon gerne zurückgehen.

Das war es dann auch schon wieder. Danke noch mal für deine Zeit und alles Gute für die Zukunft! Wenn du noch etwas loswerden möchtest, dann kannst du dies nun gerne tun.

Anton:
Ich möchte allen unseren Fans und Freunden ans Herz legen, dass sie sich unsere Platte kaufen, wenn sie sie gut finden. Nur so können wir auch in Europa endlich auf das nächste Level kommen und endlich mal richtig touren. Also Leute, it's up to you! Stay fucking Criminal!
Vielen Dank fürs Interview!
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