1. In Flammen Open Air

1. In Flammen Open Air

Cast In SilenceDarzamatDebaucheryDelusive DawnGolemGorilla MonsoonMimosisPanchrysiaPurgatorySniperTrollechWolfchant
Torgau, Brückenkopf
14.07.2006
Bisher nur als Indoor-Konzert-Event bekannt, wagen es dieses Jahr die Organisatoren des Torgauer „In Flammen“, ihre Veranstaltung zu einem zweitägigen Open-Air aufzustocken. Stattfinden wird das Ganze am bekannten Brückenkopf, nur halt dieses Mal draußen an der frischen Luft. Angekündigt haben sich jede Menge lokale, aber auch überregional durchaus bekannte Größen aus den verschiedensten Genres, allerdings hat der Death Metal ein wenig die Nase vorn. Also ab mit Zelt und Schlafsack in den Escort-Of-Hell und nichts wie los nach Torgau.

Freitag, 14.07.2006

Auch auf die arbeitende Generation Rücksicht nehmend, beginnt die erste Band am Freitag erst um 19:00 Uhr. Ein wenig verfrüht angekommen, bleibt somit noch genügend Zeit, das familiäre Open-Air-Gelände zu inspizieren. Ein kleiner Zeltplatz, dankenswerterweise von genügend schattenspendenden Bäumen umgeben, um auch morgens im Zelt ein paar Minuten länger der prasselnden Sonne trotzen zu können, eine gut getarnte Bühne sowie Bierstand, Grill, Fressbude und feste sanitäre Anlagen – mehr braucht’s eigentlich nicht, um zwei angenehme Tage verbringen zu können. Fehlen eigentlich nur noch die Besucher, aber die wollen irgendwie nicht so richtig. Gerade mal so rund 200 Personen tummeln sich auf dem Gelände, welches noch mindestens die doppelte Zahl problemlos aufnehmen könnte. Aber wer nicht will, der hat wohl schon, und wenn ihr lieber am Wochenende nur vor der Glotze hocken wollt, dann bitteschön...

Punkt 7 starten dann auch SOULLESS HEART, welche ganz ungeniert mit flottem Death/Thrash/Black den Abend eröffnen. Sowohl bei ihrer Musik als auch bei den Bandmitgliedern ist eigentlich für jeden etwas dabei. Der Gitarrist in Pinhead-Gedächtnis-Kluft samt jeder Menge Haken und Ösen; der andere Gitarrist kurzhaarig und mit Cradle-Shirt, der Bassist immer schön böse dreinschauend und schließlich ein Sänger, der sich fast die gesamte Spielzeit hinter seinen langen Haaren versteckt. Nichtsdestotrotz zocken die Jungs recht riffbetonten schnellen Metal, der mit ordentlichen Growls und Black Metal-Screams sowie dem einen oder anderen netten Solo daherkommt. Da traut sich sogar das etwas scheue Publikum ein wenig nach vorn.

Die nächsten auf dem Plan sind MIMOSIS, welche sich in ihrer Heimatstadt Leipzig und Umgebung seit einiger Zeit einen kleinen Namen gemacht haben. Einprägsamer Todesmetall, der gern mal zwischen schnellen Blast-Parts und griffigen Melodien hin und her scharwenzelt und vor allem die prägnanten Growls von Frontmann Witte wissen von Beginn an zu gefallen, auch wenn die Band nach wie vor noch ein wenig zu hölzern auf der Bühne zu agieren scheint. So, und um es mal hiermit offiziell zu machen: Spielt das nächste mal gefälligst „Like A Slayer“, denn euer Madonna-Cover hätte dem Ganzen noch die Krone aufgesetzt!

Weitaus epischer wird es anschließend mit WOLFCHANT, die sich dem melodischen Pagan Metal in Tradition von Ensiferum, Equilibrium und all den ganzen andere Bands mit „E“ am Anfang und „um“ am Ende verschrieben haben. Neben standesgemäß mittelalterlicher Kleidung und Kettenhemd darf natürlich auch mit dem Blut nicht gespart werden, weil das machen die anderen ja auch so. Und letzten Endes bleibt trotz der durchaus griffigen Melodien und schmissigen Gitarren am Ende ein leichtes Gefühl der Identitätslosigkeit zurück. Eigentlich unverständlich zumal die Bayern abseits ihres eigenen Auftrittes mit lautstarken Sprüchen auf Zeltplatz und Gelände durchaus einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

Für alle, die den Death Metal schon ein wenig vermisst haben, gibt es nun mit RECAPTURE einen ganz besonderen Vertreter des Genres. Egal, wohin es die Hallenser verschlägt, überall sieht man das gleiche Bild: Zunächst verdutzte Gesichter aufgrund der abartigen Röchelstimme von Sängerin Michele und danach bangende Schädel überall. Kein Wunder bei der brachial-guten Mischung aus Old School-Moshparts, knalligen Melodien und heftigen Wutausbrüchen. Netter Kommentar von zwei Kerlen im Publikum: „Ey, Alder, mit der will ich aber nich zusammensein, wenn die zuhause genauso austickt und dich zusammenscheißt!“

GOLEM haben danach allerdings ein kleines Problem. Denn erstens gibt es bezüglich Tod und Metall nicht mehr allzu viel zu ergänzen. Und zweitens ist ihr Sound nicht wirklich als glücklich zu bezeichnen. Die gestylten Berliner zocken also ihren auf Platte recht abwechslungsreichen, live aber doch eher biederen Death Metal hinunter, was zwar die Fans nicht stört, aber auch kaum Außenstehende so richtig von den Socken reißt.

Etwas ruhiger, aber nicht minder selbstsicher präsentieren sich GORILLA MONSOON. Wie immer vor dem charakteristischen Tierschädel-Mikro posend, macht die Band auch heute eindeutig klar, dass nur sie die einzig wahren Vertreter des „Hellrock“ sind. Dooming, rockig, fett – Das sind die Dresdner Wrestling-Fans.

Zu später Stund bescheren dann uns noch abschließend die Metzger von DEBAUCHERY eine Schlachteplatte der besonders groovigen Art. Musikalisch ihre direkte Inspirationsquelle Six Feet Under hinter sich lassend, und immer eine Augenweide auf der Bühne (heute mal temperaturgemäß mit dem Blut direkt auf der nackten Haut) sowie mit ordentlich Schleim in den Bronchien röcheln uns die Stuttgarter in gewohnt klischeehafter Manier die Freude aus den Gesichtern. Da kann man noch mal Kind sein und die Sau rauslassen, ohne dass es groß Aufsehen erregt.

Samstag, 15.07.2006

Bei strahlendem Sonnenschein eröffnen SADISTIC BRAINSLAUGHTER den zweiten Tag. Wie der Bandname es schon andeutet, wird hier keineswegs feingeistige Musik für Philosophie-Studenten angeboten, sondern es rockt der feingeistige Grindcore die Bühne. Unter dem heutigen Motto „Wurst und Weltfrieden“ sind die Freunde der Fleischtheke garantiert bei allen Vegetariern unten durch, sorgen aber beim Rest des Publikums mit ihren improvisierten „Songs“ für das eine oder andere Schmunzeln sowie das Bedürfnis, demnächst mal den Grill aufzusuchen und ein Steak zu töten.

DELUSIVE DAWN bringen im Anschluss wieder etwas mehr Ernst ins Geschehen. Gitarren scheinen mittlerweile etwas knapp geworden zu sein, denn die silberne Jackson der Vorband findet sich auch hier im Repertoire. Aber ansonsten zocken die Jungs und das komplett untrue gekleidete Mädel einen recht angenehmen Melodic Death Metal, dem es aber noch ein wenig an Persönlichkeit fehlt (Auch hier wieder ein dezenter Hinweis, dass man Hypocrisys „Roswell 47“ einfach nicht covern darf). Vielleicht würde sich die Band etwas mehr ins Zeug legen, wenn das Publikum mal aus seinem Mittagsschlaf aufwachen würde. So bleibt’s aber leider ein wenig blass um die Ohren.

Ein blutrotes Banner mit dem Schriftzug SNIPER wird aufgehangen. Den Namen kennt man, den Namen mag man. Denn die äußerst sympathischen Jungs aus Rotenburg haben bisher noch jede Bühne mit ihrem pfeilschnellen Death / Thrash zum wackeln gebracht. Dass die Band in ihrem Proberaum garantiert eingerahmte Poster von Kreator, Sodom oder Slayer hängen hat, ist sicher mehr als eine Vermutung, denn den gezielten Riffattacken und spielerischen Soli merkt man ihre Herkunft durchaus an, durch den Death-Anteil wirken sie aber niemals wie Plagiate. Da erscheint das obligatorische „Raining Blood“-Cover ja schon fast ein wenig einfallslos. Auch hier muss vor der Bühne definitiv mehr los sein, aber wenigstens gewinnen Sniper durch ihren Aufritt eine Handvoll neuer Fans hinzu.

Nanu? Kein Soundcheck für TROLLECH? Haben sie die Jungs etwa nicht durch die tschechische Grenze gelassen? Oh nein, die haben so was ja nicht nötig, die sind ja Black Metal. Und außerdem nur zu zweit. Und wer braucht schon einen Drummer oder Keyboarder, wenn man den ganzen Mist einfach per mitgebrachtem Discman einspielen kann? Dann auch noch ne deftige Kriegsbemalung und fertig sind all die Klischees? Oder doch nicht? Denn nachdem der erste Soundmatsch wieder gerade gebogen ist, klingen die sogar richtig gut. Ziemlich minimalistischer Black Metal, der aber mit seinen tschechischen Lyrics eine durchaus spannende Atmosphäre erzeugt – das hatte man vorher nicht vermutet. Und wie sich der Sänger immer arg fein beim Publikum bedankt, indem er sich mit der Faust auf den Brustkorb haut und danach gen Himmel streckt – das ist mal ganz schön niedlich, so ganz und gar untrue und deshalb ziemlich sympathisch.

Mittlerweile sucht man langsam mal eine schlechte Band für ein kleines Päuschen. Aber die will irgendwie nicht kommen. DIVINE X aus Dresden haben sich zwar ziemlich affig beim Soundcheck, zeigen danach aber, weshalb sie so penibel auf einen guten Sound Wert legen. Denn es benötigt schon sehr viel Aufmerksamkeit, um dem kruden Mix aus technischem Ami-Death, knackigen Moshparts, Meshuggah-ähnlichen Schizo-Elementen sowie ruhigen Passagen mit klarem Gesang folgen zu können. Das ist genauso kompliziert, wie es sich anhört, ragt aber ganz schön aus dem üblichen Einheitsgedümpel hervor. Definitiv eine Band, die es sich ein weiteres Mal anzuhören lohnt.

PANCHRYSIA fahren nun ganz schöne Geschütze auf. Schwarz-weiße Banner, dann noch mal kurze Schminkpause und ja kein Lächeln über die Lippen flutschen lassen. In Belgien ist der Black Metal nämlich scheinbar noch viel schwärzer als in Skandinavien. Irgendwo zwischen riffigen Dissection und geradlinigen Darkthrone passt aber hier der grimmige Auftritt zum Gesamtbild, auch wenn im Musikantenstadl teils fiesere optische Waffen zum Einsatz kommen. Nichtsdestotrotz macht die Musik der Belgier irgendwie Spaß, falls man sich traut, das zuzugeben.

BLOODMOON, die mittlerweile CAST IN SILENCE heißen, aber dann doch wieder irgendwas eigenständiges sind, dürften sowohl optisch als auch musikalisch die kleinen Außenseiter des Festivals sein. Irgendwie scheint die Band gern komplex wie System Of A Down zu sein, verzichtet aber gänzlich auf die richtig aggressiven Parts. Somit hängt auch hier alles von der klaren Stimme des Sängers ab, die aber beim doch eher guttural orientierten Publikum nicht so gut anzukommen vermag.

Da DAWN OF FATE die Veranstalter der ganzen Chose hier sind, verwundert es wohl niemanden, dass die Torgauer das wohl engagierteste Publikum vorweisen können. Aber warum denn auch nicht? Die zünftige Mischung aus krachendem Death Metal der neueren Bandgeschichte und etwas älteren Black-Metal-Orgien bietet auch jede Menge Anlass zum Köpfeschütteln. Auch hier darf der Marmeladensirup fließen und das Mikro ordentlich zusammengeschissen werden. Nen neuen Schlagzeuger hat die Band, neue Songs sind ebenfalls am Start – fehlt eigentlich nur mal ein neues Lebenszeichen in Scheibenform, nich?

PURGATORY bedeutet im Englischen soviel wie „Fegefeuer“. Und genau mit dieser Energie brettert die Band bei ihren Auftritten stets nach vorn. Hitziger Death Metal ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Verschnaufpause – für die einen die perfekte Entspannung, für die anderen möglicherweise ein wenig zu gleichförmig. Eins ist indes aber klar: Dem geifernden und angsteinflößenden Blick des brüllenden Sängers kann kaum jemand länger als 2 Sekunden standhalten.

Das infernalische Finale schließlich wird gestaltet von den Polen DARZAMAT, welche mit ihrer partiell an Cradle Of Filth erinnernden Gothic/Black-Melange dem Publikum noch einmal einen mitternächtlichen Schrecken einjagen will. Während bei den Engländern aber Frauen nur für Background und Bett gebraucht werden, spielt hier Sängerin Nera eine weitaus forderndere Rolle. Ihr bereits auf Platte ziemlich verrückter und vielseitiger Gesang verfehlt live ebenso nicht seine Wirkung, so dass der männliche Kreischpartner sowie die restliche Band fast ein wenig unterzugehen drohen. Glücklicherweise schütteln die aber immer mal wieder ein paar geschmeidige Riffs aus dem Ärmel, so dass die Show nicht zum reinen Tittenglotzen verkommt.


Letzten Endes ist das 1. Torgauer „In Flammen“ Festival als sehr gut organisiert und von den Bands her als geschickt zusammengestellt zu werten. Die familiäre und friedliche Atmosphäre lässt so etwas wie Stress grundsätzlich gar nicht erst aufkommen, allein die Besucherzahl könnte wie bei vielen Veranstaltungen dieser Art noch weitaus größer ausfallen. Nichtsdestotrotz scheint eine Fortsetzung im nächsten Jahr aber schon so gut wie sicher und einen kleinen Verbesserungsvorschlag hab ich dafür auch gleich noch parat: Wie wäre es denn mit einem kleinen Stand, an dem die angereisten Bands ihre CDs und Merchandise-Artikel verkaufen können? Da viele noch ohne Label-Vertrag dastehen, wäre das sicher ne gute Angelegenheit.
Ach ja, eins noch zum Schluss: Feuerspeier und Fackeljongleure sind bei Waldbrandstufe 4 selbst beim „In Flammen“ nicht wirklich geschickt, oder?

Fotos: Madlen Krell

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