Euroblast Vol. 9

Euroblast Vol. 9

AliasesAyahuascaDer Weg Einer FreiheitEver ForthrightFearedFuck You And DieGrandexitHacrideHumanity's Last BreathHypno5eMeshuggahMonumentsMors Principium EstSkyharborTardive DyskinesiaTexturesThe AgonistThe AlgorithmThe OceanThreat SignalTwelve Foot NinjaUneven Structure
Köln, Essigfabrik
11.10.2013

Freitag

Ein neues Jahr, eine neue Location. Nachdem im letzten Jahr zunächst das Underground und am Wochenende die Live Music Hall von der internationalen Djent / Tech / Modern Prog Metal Familie heimgesucht wurde, ist das Euroblast für die neunte Ausgabe auf die Schäl Sick (vulgo: rechte Rheinseite) gezogen. Die Essigfabrik bietet dabei neben dem Hauptveranstaltungsraum und der finsteren und, zumindest am ersten Abend, eisigen Kellerstage gleichzeitig ein abgeschlossenes Gelände, auf dem neben den verschiedenen Fressbuden (Grüße an die holländischen Grillmeister/innen!) auch die diversen Ausrüstungssponsoren ihre Stände zum Angucken und Anfassen aufgebaut haben. Abgesehen vom äußerst herbstlichen Wetter stehen also alle Regler auf Grün, als ich mitten im Auftritt von ALIASES vor Ort eintreffe.

Vor trotz der frühen Zeit bereits erstaunlich zahlreich erschienenem Publikum erweisen sich eben jene ALIASES als perfekter Kickstarter in das Wochenende, weil die Manchester-Bande sich nicht zu sehr an ihren Fertigkeiten berauscht, sondern auch ordentlich Zug zum Tor hat. Wie die Faust aufs Auge passt dazu, dass Frontmann Joe Rosser zu den extrovertierteren Sängern des Wochenendes gehört, der auch mal die erste Reihe Auge in Auge anschreit, so dass diese sich noch besser unterhalten fühlt als ohnehin schon. Ein stimmungsvoller Auftakt, der einzig die Frage aufwirft, warum die Band bereits zu dieser vergleichsweise frühen Zeit auf die Bretter geschickt wurde.

Die im Vorfeld vielgelobten belgischen B3AR haben ihr Debüt „Noumenon“ erst eine Woche vor dem Euroblast veröffentlicht, ihre Zugkraft reicht aber bereits aus, um die parallel im Keller auftretenden GRANDEXIT vor gerade mal 30 Nasen ein wenig verhungern zu lassen. Andererseits sind die Schweden heute auch längst nicht so kreativ-explosiv wie auf dem starken neuen Album „The Dead Justifies The Means“, sondern klingen vergleichsweise bodenständig death-thrashig. Das liegt in erster Linie an dem stur im Rödelmodus durchgebolzten Gesang und wird auch von einem Tribut an ENTOMBED nicht rausgerissen. Selbst wenn man grundsätzlich an Einsatz und Gesamteindruck nicht viel rummäkeln kann, bleiben meine Erwartungen deshalb unerfüllt.
mba

Als ich bei schon bedenklich gesunkenen Temperaturen und strömenden Regen endlich an der Essigfabrik eintreffe, legen gerade die Finnen MORS PRINCIPIUM EST auf der sehr überschaubaren Bühne der Second Stage in der „Elektroküche“ los. Dass ich die Band bisher nur vom Namen kannte, erweist sich schnell als Versäumnis, denn der schnörkellose Melodic Death des Haufens, der mit einer ordentlichen Thrash Kante aufgemotzt ist, überzeugt von der erste Minute an. Trotz des eher spärlichen Besucherandrangs (es mögen vielleicht 30 Nasen anwesend sein) liefern MORS PRINCIPIUM EST eine tadellose und engagierte Show ab, die Ihnen sicherlich ein paar neue Freunde eingebracht haben dürfte – auch wenn es wohl leider nicht sehr viele sein mögen.
mh

Vielleicht liegt es an meinen zwei Bier Vorsprung, aber ich zähle etwa doppelt so viele Zuschauer bei MORS PRINCIPIUM EST, die ihre spritzige Show, bei der Leadgitarrist Andy Gillion spielerisch und dank eines Ausflugs in Publikum auch beim Einsatz herausragt, im Grunde selbst perfekt zusammenfassen:
ZitatWe play Melodic Death Metal and nothing else.

mba

Ein gänzlich anderes Bild bietet sich anschließend in der eigentlichen Essigfabrik, bei der es schon lange vor dem Auftritt von SKYHARBOR rappelvoll ist. Unglaublich, wie die Meute dem Auftritt der indischen Band entgegenfiebert, die ebenfalls bis jetzt mehr oder weniger an mir vorbeigegangen ist. Auch hier zu Unrecht, denn spannend ist der Auftritt der vier Exoten und ihres englischen Sängers Daniel Tompkins (ex-TESSERACT) allemal. Wenn man den Begriff „Djent“ irgendwie definieren will, sollte man einfach mal in ein SKYHARBOR Album reinhören. Der Konsens aus verträumten Klimper-Passagen, gelegentlichen Wutausbrüchen und atemberaubender Technik sucht jedenfalls seinesgleichen, auch wenn mir die pathetischen Reden von Tompkins mit laufender Spielzeit ebenso auf den Wecker fallen wie die insgesamt doch etwas ZU entspannte Daddelatmosphäre des Gigs. Nichtsdestotrotz werden SKYHARBOR neben dem Headliner heute mit Abstand am meisten abgefeiert. Und das nicht zu Unrecht, denn irgendwas hat die Band. Ich hab bloß noch nicht genau raus, was.

Deutlich anders agieren im Anschluss die Kanadier THREAT SIGNAL, die wuchtig und kompakt auf die Zuschauer einprügeln und zum ersten Mal kleine Moshpits vor der Bühne heraufbeschwören. Es ist schon beeindruckend, wie tight und aggressiv die Band agiert, und im Vergleich zu den progressiv-intellektuellen SKYHARBOR somit nahezu metallisch-profan rüberkommt. Obwohl die Truppe in fast allen modernen Revieren wildert, bedient man sich wohl in erster Linie bei FEAR FACTORY – nur mit dem Unterschied, dass es weniger kalt und mechanisch rüberkommt, dafür aber mit einem Sänger, der auch live mit seiner klaren Stimme zu überzeugen weiß. Das kurzweilige Set macht jedenfalls durchgehend Spaß und ebnet gekonnt den Boden für das, was noch folgen wird.
mh

Ganz kann ich Kollege Hauptmanns Begeisterung für THREAT SIGNAL nicht teilen, denn mit den Jahren ist die „Under Reprisal“-FEAR FACTORY-Farbe für meinen Geschmack ein wenig zu stark von Neo-IN FLAMES übertüncht worden, was sich verständlicherweise im Auftreten auf dem Euroblast niederschlägt. Das macht die Show der Kanadier stärker von der Rolle abhängig, die Fronter Jon Howard in den unterschiedlichen Liedern einnimmt, so dass der Gesamtauftritt bei Licht besehen zwar immer noch gut ist, aber einige Schwankungen auch bei der Stimmung im Publikum überstanden werden müssen.
mba

THE AGONIST – ebenfalls aus Kanada – sind heute der Co-Headliner und werden ihrer Rolle durchaus gerecht, selbst wenn die Halle zum Start des Auftritts erschreckend leer ist. Vielleicht hat man sich auch in der Djent Szene immer noch nicht so richtig mit Frontfrauen arrangiert, aber immerhin gelingt es der souverän agierenden Alissa White-Gluz und ihren nicht minder gut aufgelegten Mannen, im Laufe des Sets immer mehr Leute auf ihre Seite zu ziehen, so dass man die Show am Ende auf jeden Fall als Erfolg bewerten darf. Eigentlich kein Wunder, denn neben unbändiger Spielfreude und einem hervorragend singendem Blickfang hat die Truppe nun mal auch starke Songs wie „You’re Coming With Me“, „Thank You, Pain“, „Panophobia“, „…And Their Eulogies Sang Me To Sleep“ usw. zu bieten, die mit ungeahnter Präzision in die Halle geschmettert werden. Meinetwegen hätten THE AGONIST noch ne Stunde länger spielen können, aber es war nun mal langsam Zeit für…

TEXTURES, die bereits des Öfteren auf dem Euroblast zu Gast waren und sich im Laufe der Zeit zu einem absolut würdigen Headliner gemausert haben. Das Publikum jedenfalls frisst den Niederländern sofort aus der Hand und feiert nahezu jede Note frenetisch ab. TEXTURES haben aber auch ein Gespür für die richtige Balance aus Aggression und progressiven Strukturen, zudem verfügen sie über die nötige Routine, um eine Halle im Handumdrehen zum Kochen zu bringen. Vielleicht ist es manchmal sogar etwas zu viel Routine, denn wirklich spontan wirkt der Auftritt zu keiner Zeit, aber das ist natürlich Meckern auf hohem Niveau. Alles richtig gemacht, also – im Gegensatz übrigens zu dem strunzbesoffenen Horst vor uns, der nahezu über die gesamte Spielzeit vollstorno herumtorkelt und einem Mädel, das an ihm vorbei möchte, mit Schmackes unkoordiniert seinen Bierbecher ins Auge haut. Naja, Dummheit kann man nicht verbieten und den starken Auftritt von TEXTURES schmälert es auch nicht wirklich. Ein würdiger Abschluss des ersten Tages!

Wobei, so richtig vorbei ist der noch gar nicht, denn die ganz Hartgesottenen können sich in der Blastnight auf der Second Stage noch weiter verprügeln lassen. Die Arschkarte ziehen dabei sicherlich die noch taufrischen Kölner AYAHUASCA, die aufgrund amtlicher Verspätung auf der Mainstage quasi zeitgleich mit TEXTURES ihr Set beenden und somit mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit agieren.

Etwas voller ist dann schon wieder bei den Schweden HUMANITY’S LAST BREATH, die allerdings mit ihrem stumpfen Metal-/Prollcore frappierend an die unsäglichen NASTY erinnern und somit nur für bestenfalls gedämpfte Euphorie sorgen. Vielleicht ist es auch schon etwas spät für so ne Asimucke (es geht stramm auf 2 Uhr zu), aber irgendwie will der Funke einfach nicht überspringen, selbst wenn zumindest das erste Drittel des sehr kleinen Kabuffs anscheinend seinen Spaß hat.
mh

Als vorletzten Act des Tages gibt es mit DER WEG EINER FREIHEIT ein Schmankerl, dass einige Leute angezogen hat, die sich den Rest des Festivals sparen, da man die Blastnight (und das oben stattfindende Glam-Partymonium) separat für lumpige fünf Euro buchen kann. Die Lederjackendichte ist demnach wesentlich höher als am restlichen Wochenende, die Musik allerdings auch drei Nummern stumpfer. Der bereits gen Heimat entfleuchte Tom G. Warrior-Fanboy Hauptmann hätte im Gegensatz zu mir womöglich seine Freude an dem ziemlich eindimensional wirkenden Gehacke. Eine gefühlte Ewigkeit später ist die brüllend laute Reiterei auf dem einen Riff, das der Metalgott der Band zur Verfügung gestellt hat, vorüber und ich trete ebenfalls die Flucht an, bevor die zu großen Teilen aus DER WEG EINER FREIHEIT-Musikern bestehenden FUCK YOU AND DIE womöglich noch bis kurz vor Sonnenaufgang die letzten Mohikaner belärmen.
mba

Samstag

Mit etwas Verspätung geht es in den Samstag, an dem sich eine gewisse allgemeine Erschöpfung nach der vorangegangenen langen Nacht breitgemacht hat. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, als wäre heute Schonung für den am folgenden Tag anstehenden Höhepunkt der Euroblast-Geschichte angesagt, aber EVER FORTHRIGHT haben da auch noch ein Wörtchen mitzusprechen. Läge die Aufgabe allein an den etwas träge wirkenden Saitenkünstlern, könnte das allerdings schwierig werden. Zum Glück gibt es den schelmischen Spaß versprühenden Keyboarder Kevin Theodore im seinem Auftreten angemessenen GAMA BOMB Gewand und vor allem den Mann mit dem größten Starpotential des ganzen Wochenendes: Chris Barretto, der sowohl bei den Amerikanern wie auch den britischen MONUMENTS singt und eine wahre Wonne als Frontmann ist. Von fast schon soulpoppigen Momenten bis zur Entfesselung eines Wirbelsturms ist nichts vor seinen Stimmbändern sicher und das finale Crowdsurfen mitten im Lied setzt der 1A-Vorstellung die Krone auf.

Ähnliche Fortschritte wie das Euroblast hat in den vergangenen Jahren Rémi Gallego, der Kopf hinter THE ALGORITHM, gemacht: Wo sich vor zwei Jahren (bei seinem ersten Auftritt überhaupt!) ein zurückhaltender schmaler Kerl fast schon schüchtern hinter seinem Rechner versteckte, entert Rémi heute als Link mit Legend of Zelda-Schild und -Schwert triumphal die Bühne und erlaubt sich auch während der Lieder einige Späße mit Drummer Mike Malyan und Gitarrist Max Michel. Ja, richtig gelesen, das Elektrofeuerwerk, das Rémi an seinem Rechner zündet, wird inzwischen dauerhaft von zwei „echten“ Musikern begleitet und der eben bereits gelobte Chris Barretto liefert als Sahnehäubchen eine kurze Saxofoneinlage in der Bühnenmitte ab. Die lockere Atmosphäre färbt nahtlos ins Publikum ab, so dass selbst ein paar scherzhafte Takte Haddaway bejubelt werden und immer lauter gejohlt wird, desto mehr Musiker und Mitveranstalter sich vom Backstage zum Mitfeiern auf die Bühne begeben. Auf dem Festival, das ihn entdeckt und gefördert hat, ist Rémi ein König, und selbst wenn die Tanzrhythmen aus dem übrigen musikalischen Rahmen fallen, ist das mit Fug und Recht so.

Überschaubarer Natur bleibt heute mein Ausflug in den Keller, denn der völlig wilde Post-Sludge/Death von TARDIVE DYSKINESIA hämmert mir binnen Sekunden um ein Haar ein Loch ins Trommelfell, so dass ich vor Schreck buchstäblich einen Satz nach hinten mache und mir die Umstehenden sorgenvolle Blicke zuwerfen. Ein überschaubares Häuflein Unerschrockener hat damit weniger Probleme, allerdings werden auch sie zugeben müssen, dass die Griechen mehr Willen zeigen als Feinabstimmung vorhanden ist. Naja…

Zu den wenigen Unbekannten für mich gehören in diesem Jahr TWELVE FOOT NINJA, wobei die Buschfunk-Infos im Vorfeld Großes erwarten lassen. Ganz so spektakulär fällt der Auftritt der Australier am Ende zwar nicht aus, aber ihre Andersartigkeit macht nachvollziehbar, warum die Vorfreude groß war und die Reaktionen begeistert ausfallen. Neben den trotz aller Komplexität bemerkenswert munteren und beweglichen Saitenartisten, bei denen Surferboy Damon am Bass die Mehrheit der Show stiehlt, findet sich die Ursache dafür, weder zum ersten noch zum letzten Mal, am Mikrofon. Die kleinen optischen Ausrufezeichen (locker hängende Jogginghose und Dicker-Zeh-Socken) sind nur ein Vorgeschmack dafür, wie sehr TWELVE FOOT NINJA wegen Kin auffallen, denn er ist nicht nur der Kitt, der die mal unterhaltsame, mal anstrengende, immer zwischen wild und unzusammenhängend pendelnde Musikmasse zusammenhält, durch seinen warmen und vollen Gesang und kleinere Stimmspielchen gibt er der Musik auch interessante Assoziationsausschläge, die von SKINDRED bis PEARL JAM reichen. Das lässt die Musik weniger komplex wirken, als sie angelegt ist, und animiert das Publikum zu anhaltend lautstarker Unterstützung. Die Euphorie teile ich zwar nicht ganz, am Tag der etwas anderen Bands sind TWELVE FOOT NINJA aber, auch auf dem hohen Startplatz, gut aufgehoben.

Zum Tagesabschluss bleibt es anders, für THE OCEAN ist das allerdings nichts Neues. Als erste von zwei Bands am ganzen Wochenende bedienen die Berliner sich nicht der beeindruckenden, im Bühnenhintergrund die gewohnten Backdrops ersetzenden LED-Leinwand, sondern setzen auf eine weiße Leinwand, auf der wasserlastige Projektionen die maritime Musik untermalen sollen. Trotz anfänglicher Technikprobleme – selten zuvor habe ich jemanden ähnlich vehement weniger Monitorsound fordern hören – entpuppen THE OCEAN sich schnell als die schlüssigste und ausgereifteste Band des Tages. Die Wandlungsfähigkeit vom MeeresMASTODON zum atmosphärischen Progträumer wirkt jederzeit stimmig und scheint die Musiker binnen Sekunden bis ins Mark zu durchdringen. Ins Auge sticht, dass mutmaßlich kaum eine ähnlich anspruchsvolle Band ein dermaßen auf das Wesentliche reduzierte Schlagzeug im Einsatz haben dürfte. Während Bassist Louis mit großen Rockstarposen auf sich aufmerksam macht und Fronter Loïc leidet, lebt und tut und macht, sind Robin und Jonathan mir persönlich eine Spur zu arg auf ihre Gitarren fixiert. Ebenfalls schade ist, dass die Band so in ihrer Atmosphäre gefangen scheint - oder diesen Eindruck zumindest nicht trüben möchte -, dass kaum die Gelegenheit zur direkten Kommunikation mit dem Publikum ergriffen wird. Im Vergleich zur Qualität der angebotenen Musik sind das aber Nebensächlichkeiten, die nicht sonderlich ins Gewicht fallen. Großer Abschluss des zweiten Tages, zumal die Band auch anderweitig beeindruckt, denn alle 12 verschiedenen (!) THE OCEAN-Shirts am Merchstand sehen ausnahmslos spitze aus.
mba

Sonntag

Ausgeschlafen und voller Energie geht es in den Abschlusstag, der bereits lange vor dem Headliner ein paar Granaten im Köcher hat. Die erste hört auf den Namen HYPNO5E und legt gleich los wie die berühmt-berüchtigte Feuerwehr. Besonders erfrischend an den Franzosen ist, dass sie zu den wenigen Bands des Wochenendes gehören, denen man in jeder Sekunde die Lust am Spielen unmittelbar ansieht. Zwischen dem wie eine junge Weide biegsamen Gitarristen Jonathan und dem barfüßigen Bassisten mit einem Gerät, das fast so groß wie er selbst ist, tobt sich Wuschelkopf Emmanuel nach Herzenslust aus, wenn die Musik nicht gerade flächig in die Breite geht. Das ist das kleine Manko, denn die Flächen geraten HYPNO5E noch recht zäh, während die drückenden Passagen toll klingen und funktionieren. Auch die Freunde des Kuriosen bleiben dank einer kleine Einlage an der Ukulele nicht unbefriedigt, nur den SOULFLY-Groove, den ich zu hören vermeine, schiebe ich eher auf die noch frühe Zeit als auf eine tatsächlich existierende musikalische Verbindung beider Bands.

Überraschend geradlinig und ruppig geht es mit FEARED weiter. Vier Alben in vier Jahren hat die von Ola Englund (SIX FEET UNDER und neuerdings THE HAUNTED) angeführte Band zuletzt rausgehauen und mit ähnlicher Schlagzahl geht es heute zur Sache. Das Kernpublikum des Festivals findet das eher mäßig spannend, weshalb die Essigfabrik nur etwa zur Hälfte gefüllt ist, davon beeinflussen lässt die Band sich aber nicht. Mit der Technik wird schon eher gehadert, zumindest finden sich wenige andere Erklärungen für Neu-Bassist Jocke Skogs (Ex-CLAWFINGER) wiederholtes Rumhantieren am Laptop. Als schließlich alle Kanonenrohre justiert sind, legt endgültig jeder in der Band die Zurückhaltung ab, die der muntere Frontbär Mario Ramos bereits von Beginn an nicht kannte. Eine gewisse Stumpfheit ist dem Geballer nicht abzusprechen, dennoch hat die Dreiviertelstunde pure, zauberfreie Zerstörung eine angenehm erfrischende Wirkung.

Bei HACRIDE sieht die Sache ein wenig anders aus und wir betreten wieder annähernd djentige Pfade. Allerdings muss man den Franzosen zugutehalten, dass sie eine für den Normalhörer deutlich zugänglichere Balance gefunden haben, die die Komplexität immer mit einem gehörigen Maß an Schwung verbindet und Plätschermomente damit fast vollständig verbannt. Was Frontmann Luis noch ein wenig an stimmlicher Ausstrahlung fehlt, kann er erfolgreich mit Engagement wettmachen, so dass nach und nach immer mehr Leute den Weg zurück in den Konzertraum finden und sogleich freudig begrüßt werden. Einwandfreie Vorstellung, die Lust auf mehr macht, zum Beispiel darauf, sich mit den bisherigen vier Alben der Band zu beschäftigen.

Mit Masken verhüllt betritt anschließend der Secret Act die Bühne, doch es dauert nicht lange, bis bei den ersten im Publikum die Erkenntnis einsetzt und das Mitsingen aufgenommen wird: UNEVEN STRUCTURE runden den frankophilen Nachmittag ab und leiten in den Abend über. Seit ihrer ersten Vorstellung beim Euroblast sind inzwischen drei Jahre vergangen, in denen die Band die musikalischen Kontraste noch einmal deutlich verschärft hat, was leider dazu führt, dass insbesondere die Traumsequenzen neben dem Stakkato-Geholze völlig spannungslos daherkommen. Für meinen Geschmack stört das den Fluss gewaltig, denn eben treibt man noch entspannt daher, wird plötzlich einen Wasserfall hinunter geworfen, um gleich nach dem turbulenten Fall im Federbett aufzuwachen. War doch nur ein Traum. Das kann auch der bis in die letzte Ecke wuchtige Sound nicht ausgleichen.

Das Highlight vor dem Headliner setzen MONUMENTS, nicht nur weil mein Liebling Chris Barretto schon wieder im Einsatz ist, Mike Malyan und Olly Steele zu den coolsten Socken der Djent-Szene gehören und Bassist Adam eine ähnlich furchteinflößende Dreadpeitsche schwingt wie SHADOWS FALLs Brian Fair. Der Knackpunkt ist, dass diese Band mehr als alle (!) anderen am Wochenende auf der Bühne zu Hause ist, so dass man den Eindruck gewinnt, jeder der fünf Musiker will seine wertvolle Stagezeit unbedingt voll auskosten. Das versetzt das tobende, mit den Liedern bestens vertraute Publikum in einen derart willigen Zustand, dass man es nahe der Willenlosigkeit wähnt und ein aufmerksamer Securitymann im Graben seine liebe Müh und Not damit hat, den mehrmals vor lauter Einsatz fast in die ersten Reihen stürzenden Chris am hinteren Hosenbund festzuhalten, damit die Show nicht völlig ausartet. Wobei das, wie am ganzen Wochenende, ein freudiges, euphorisches Ausarten wäre, denn Radaubrüder lassen sich über die ganzen drei Tage keine ausmachen. Musikalisch ziehen die MONUMENTS im Vergleich zum bisherigen Highlight TEXTURES hingegen minimal den Kürzeren, weil der Tenor des häufigen gegen den Charakter der Musik Ansingens nicht immer ohne Reibungsverluste vonstattengeht.

Damit sind wir beim vermeintlich krönenden Schlusspunkt angelangt, dessen Rolle für die inzwischen etablierte Ausrichtung des Festivals und die Gründung vieler hier heimischer Bands kaum zu unterschätzen ist: MESHUGGAH. Die in Würde und Wucht gealterten Schweden existieren mittlerweile länger als einige der am Wochenende auftretenden Musiker alt sind, deshalb dürfen sie natürlich als zweite Band ihr komplett eigenes Bühnenbild aufbauen. Was folgt, wird vielen lange im Gedächtnis bleiben, allerdings nicht von allen mit den gleichen Emotionen verbunden werden, denn während die vordere Hälfte des Zuschauerraums sich schnell in einen feiernden Mob verwandelt, finden sich in der hinteren Hälfte doch einige, die in etwa so viel Bewegung und Abweichung von ihren scheinbar fest verankerten Positionen zeigen wie, mit Ausnahme des Sängers und berserkenden Zeremonienmeisters Jens Kidman, die Musiker auf der Bühne: Ein wenig Kopfgewackel wird schon reichen. Mich erinnert das im Guten wie im Schlechten an einen klassischen SLAYER-Auftritt: Man kann musikalisch nicht viel aussetzen, die relative Gleichförmigkeit der Lieder erzeugt jedoch einen gewissen Abnutzungs- bzw. Ermüdungseffekt. Verstärkt wird dieses Gefühl von dem pausenlosen grellen Spektakel der an allen Ecken und Enden der Bühne blitzenden und blinkenden Lichter, während die Musik immer mehr den Charakter einer ins Gesicht gedrückten Wand annimmt. Lasst es mich so zusammenfassen: Wer vorher noch kein Fan von MESHUGGAH war, wird es heute eher nicht geworden sein.

Die neunte Ausgabe des Euroblast ist danach Geschichte und trotz des fortgesetzten Wachstums hat das Festival sich seine besondere, familiäre Atmosphäre bewahrt: Von den pausenlos durch die Gegend wuselnden Organisatoren und Mitverantwortlichen über die ausnahmslos sehr freundlichen Securitykräfte und die manchen Spaß mitmachenden anderen Menschen an den diversen Ständen bis zum Publikum herrschte durchweg eine angenehm entspannte Stimmung, die man selbst auf Konzerten vergleichbarer Größe selten antrifft, obwohl dort nur einige Stunden und keine drei Tage miteinander verbracht werden. Aus diesem Grund und weil das Team um John und Daniel immer wieder spannende Neuentdeckungen auftut, haben wir schon begonnen, die Tage bis zur Jubiläumsausgabe im nächsten Jahr zu zählen. Danke, Freunde!
mba

Fotos von mba.

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Kommentare (1)

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mh

mh

am 06.11.2013 18:19 Uhr
Ein wirklich gelungenes Festival, dem ich leider aufgrund widriger Umstände nur am Freitag beiwohnen durfte. Wenn es den Organisatoren gelingt, für das nächste Jahr ein ähnlich hochkarätiges Line Up zusammenzustellen, dann ist ein erneuter Aufenthalt in Köln auf jeden Fall Pflicht.
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