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Heaven Shall Burn - Hauptmann und Heine waren fällig
Heaven Shall Burn
Überschwengliche Kritiken und gute Resonanzen, wohin man sieht. Die Thüringer HEAVEN SHALL BURN haben mit "Deaf To Our Prayers" nahezu sämtliche Metalcore-Anleihen aus ihrem Sound eliminiert und können mit zeitlos brutalem Melodic Death auch Verächter moderner Kost auf ihre Seite ziehen. Drummer Matthias bleibt trotz des Erfolgs sehr bodenständig und berichtet über das Leben zwischen Bühne, Proberaum und Uni.


Ihr werdet oft als Deutschlands größte Metalcore-Band gefeiert. Mit welchem Anspruch geht man da an ein neues Album?


Matthias: Wir selbst haben den Anspruch, etwas abzuliefern, mit dem wir selbst am Ende zufrieden sein können. Was anderes zählt da nicht. Also Druck von außen verspüren wir nicht und die Erwartungshaltungen anderer beeinflusst uns gar nicht.

Auf Eurem neues Album „Deaf To Our Prayers“ ist die todesmetallische Komponente gegenüber den Hardcore-Einflüssen wieder in den Vordergrund getreten. Wie kam es zu diesem Schritt?

Matthias: Keine Ahnung. So etwas passiert einfach. Wenn es an neue Songs geht, fangen wir einfach damit an, sie zu schreiben, ohne dass wir uns vorher hin setzen und ein Konzept oder eine „Marschroute“ festlegen. Alles geschieht einfach ganz natürlich. Ich glaube auch nicht, dass sich die neue Scheibe absolut vom Rest unseres Schaffens abhebt.

Clean Vocals und ähnliche Experimente, wie sie viele erfolgreiche moderner Deathmetal- und Metalcore-Bands verwenden, sucht man bei Euch immer noch vergebens. Kann man jemals damit rechnen, bei HEAVEN SHALL BURN solche Elemente oder gar nichtmetallische Einflüsse zu finden?

Matthias: Wenn wir denken, dass etwas passt, dann wird das auch eingebaut. Man kann im Prinzip nichts ausschließen und wir wollen uns da auch nicht für alle Ewigkeit festlegen.
Nichtmetallische Einflüsse gibt es schon jetzt zuhauf. Man wird ja von allem beeinflusst, was man so hört und so ist das dann auch bei uns. Alle Mitglieder von HSB hören die verschiedensten Sachen und das hat dann auch Einfluss auf die eigene Herangehensweise ans Songwriting. Ob man das nun will oder nicht.

Auf „Antigone“ habt Ihr mit den schönen instrumentalen Stücken von Ólafur Arnalds gearbeitet, die sich hervorragend in das Gesamtbild der Platte einfügten. „Deaf To Our Prayers“ kommt ohne derartige Einschübe aus. Gab für Euch einen bestimmten Grund, auf das fast schon obligatorische melancholische Intro oder Zwischenspiel vieler Metalcore-CDs zu verzichten?

Matthias: Wir werden sicherlich in Zukunft auch wieder mit Ólafur arbeiten, aber diesmal war uns einfach nicht danach. Wie du schon richtig bemerkt hast, sind diese Art von Intros und Outros fast schon obligatorisch bei vielen Bands. Genau das war sicherlich auch ein Grund, warum wir uns nun für diese Platte für eine Auszeit davon entschieden haben.
Wenn wir aber wieder denken, dass es eine Platte bereichert oder das Material danach verlangt, wird man so etwas auch wieder zu hören bekommen.

Aufnahme und Produktion der neuen Scheibe fanden im momentan recht beliebten Rape Of Harmonies-Studio im thüringischen Triptis statt. Was bewegte Euch, ausgerechnet dort aufzunehmen und wie zufrieden seid Ihr mit dem Ergebnis?

Matthias: Wir nehmen seit unserer ersten EP im Rape Of Harmonies auf und sehen uns auch nicht veranlasst, das zu ändern. Wir sind absolut zufrieden mit der Arbeitsweise dort und fühlen uns einfach sauwohl.
Dazu kommt auch, dass unser neuer Gitarrist Alex dort arbeitet und dass es sich auch in geografischer Nähe zu unserem Proberaum befindet. Wir können dort also ganz entspannt arbeiten und müssen und nicht woanders für einige Wochen einmieten und uns strikt an Termine und Deadlines halten. Das ist auch ein Riesenvorteil.
Mit dem Ergebnis und dem Mix und dem Mastering von Jacob Hansen sind wir absolut zufrieden. Wir werden also auch in Zukunft nichts an unserer Arbeitsweise ändern. Unser nächstes Album werden wir sicherlich auch wieder im Rape Of Harmonies aufnehmen. Etwas anderes können wir uns einfach nicht vorstellen.

Der Titel des neuen Albums entstammt einem Gedicht Heinrich Heines, und weitere Songs sind von Gerhard Hauptmann beeinflusst. Wie kam es dazu, dass Euch diese zwei großen deutschen Literaten inspirierten? Ist „Deaf To Our Prayers“ von einem ähnlichen politischen Konzept geprägt wie „Antigone“?

Matthias: Maik schreibt unsere Lyrics und er lässt sich dabei gerne von Büchern, Gedichten, Biografien und historischen Ereignissen beeinflussen. Das war schon immer so und diesmal waren eben Hauptmann und Heine fällig…hehe.
Ich denke, dass er alles mal verwursten wird, was er so an Informationen aufnimmt oder was er so liest und was ihn irgendwie selbst zum Nachdenken angeregt hat.
Ein Konzept gab es in dem Sinne aber bei "Antigone" nicht. Es gibt sicherlich eine Art Grundrichtung hinter HSB, aber Konzeptalben haben wir nicht.

Woher kommen die Inspirationen für Eure Lyrics?

Matthias: Eben alles, was man so liest und mitbekommt beeinflusst einen. Das geschieht dann ganz bewusst oder auch unterbewusst.

Habt Ihr als deutsche Band schon jemals mit dem Gedanken gespielt, auch deutsche Texte zu verwenden? Kommt das für Euch in Frage?

Matthias: Nein, das kommt für uns nicht in Frage. Wir wollen uns nicht auf den deutschsprachigen Raum limitieren. Ein Ziel von HSB ist es, auch ein wenig in der Welt rumzukommen und das funktioniert nur so. Wenn Menschen eine Fremdsprache sprechen, dann ist das in den meisten Fällen Englisch…

Auf „Deaf To Our Prayers“ findet sich ein Song mit dem merkwürdigen Namen „mybestfriends.com“. Was steckt da dahinter?

Matthias: Bei diesem Song werden Leute aufs Korn genommen, die ihre Identität über das Internet definieren. Es geht dabei auch um den übermäßigen Gebrauch von Sachen wie Myspace.com, aber sicherlich nicht ausschließlich.
Einige Leute denken auch, dass es sich sogar um einen „Anti-Myspace-Song“ handelt, aber das ist natürlich Quatsch. Wir sind nicht dagegen, machen uns halt nur so unsere Gedanken um einige Auswüchse dieser Erscheinung.

Was verbindet Ihr generell damit, Musik zu machen? Geht es Euch mehr um den Spaß an der Sache oder darum, möglichst viele Leute mit einer textlichen Botschaft zu erreichen?

Matthias: Das sehen die verschiedenen Mitglieder sicherlich alle etwas unterschiedlich. Grundsätzlich haben wir schon sehr viel Spaß an der Band und es ist unsere liebste Freizeitbeschäftigung. Natürlich wollen wir alle auch unsere Gedanken unter die Leute bringen, aber dieses Bedürfnis ist beim einen stärker ausgeprägt als beim anderen.
Wir wollen die Möglichkeit nutzen, die wir durch ein größeres Publikum haben, aber die Band würde natürlich ohne Spaß auch nicht funktionieren. Da spielt also alles zusammen.

Wie sieht es mit Eurem Bekanntheitsgrad außerhalb Deutschlands aus? Seid Ihr schon viel im Ausland oder sogar in den USA unterwegs gewesen?

Matthias: Wir waren schon in Japan, Island, Brasilien oder auch Chile. In Europa haben wir auch schon fast überall gespielt. Da gibt es eigentlich nur noch weiße Flecken im ehemaligen Ostblock. In Ländern wie Bulgarien, Rumänien oder auch Weißrussland würden wir auch mal gern spielen…nur um mal ein paar Beispiele zu nennen.
Die USA haben sich für uns bisher leider noch nicht ergeben, aber wir arbeiten daran. Die Möglichkeit wäre schon da, aber bekommen das zeitlich nicht auf die Reihe. Unser Bekanntheitsgrad ist dort auch schon recht hoch innerhalb der Szene und wir bekommen oft Anfragen für Tourneen oder Shows, aber bis jetzt hat es noch nicht geklappt.
Wir arbeiten oder studieren alle und da ist die Zeit meist etwas knapp. Man kann schon mal schnell für ein Wochenende nach Südamerika fliegen und Shows spielen, aber mit den Staaten ist das schwieriger. Da ist viel Papierkram im Vorfeld zu erledigen und das ist auch alles etwas kostspielig. So etwas lohnt sich nur für längere Touren und nicht für Einzelshows. Ansonsten werden wir auch außerhalb Deutschlands sehr gut aufgenommen.

Ihr seid oft auf Tour, verbringt viel Zeit im Proberaum oder im Studio. Wie leicht fällt es Euch, zwischen Band und Privat- oder auch Berufsleben hin- und herzupendeln?

Matthias: Man muss halt Prioritäten setzen und man studiert auch ne Ecke länger als andere, aber irgendwie geht das schon. So oft spielen oder proben wir ja auch nicht. Das ist schon alles noch im Rahmen. Tourneen sind halt nur ein oder zwei mal pro Jahr möglich…und dann auch nur für 2 oder maximal 3 Wochen.
Man muss halt auch lernen, effektiver zu arbeiten. Früher hingen wir fast jeden Tag im Proberaum rum und haben im Endeffekt trotzdem nicht viel gemacht. Heute proben wir alle paar Wochen mal, machen das dann aber sehr konzentriert.
Beim Songwriting sieht es nicht viel anders aus. Die wenigsten Songs entstehen wirklich noch im Proberaum, sondern eher am Computer. Es ist schwer Termine zu finden, an denen bei uns alle Mitglieder gleichzeitig verfügbar sind und deswegen treffen sich unsere Gitarristen schon auch mal mit einem Drumcomputer, um neue Ideen auszuprobieren.

Nach dem Weggang von Patrick Schleitzer habt Ihr mit Alexander Dietz einen neuen Gitarristen an Bord. Wie ist dieser Besetzungswechsel der Band bekommen?

Matthias: Patrick hatte durch sein Studium bedingt, nicht mehr die Zeit für HSB. Er kniet sich eben gerne voll in Sachen rein und arbeitet nicht gern auf Sparflamme, nur um alles unter einen Hut zu bringen. Das war natürlich sehr traurig für uns, aber vollkommen nachvollziehbar.
Wir haben ja alle angefangen Musik zu machen, um auch Spaß zu haben. Wenn dann alles in Stress ausartet, geht der Spaß halt flöten und so war das dann. Wir sind aber immer noch sehr gut befreundet…auch wenn wir uns natürlich viel seltener sehen, als früher.
Alex war dann eine ganz natürliche Entscheidung. Wir kannten ihn schon einige Jahre und er war der erste Kandidat, der uns in den Sinn kam. Uns war klar, dass wir niemanden in die Band nehmen wollten, den wir nicht kennen.

Wie wichtig sind Online-Fanzines für eine inzwischen etablierte Band wie Euch? Beachtet Ihr auch die Reviews und Berichte, die dort geschrieben werden oder sind nur die großen Printmagazine für Euch von Bedeutung?

Matthias: Klar, wir verfolgen das auch alle mit. Unterschiede in der Wichtigkeit, gibt es für uns da eigentlich nicht. Der Großteil der Interviews, die wir geben, ist auch eher für Online-Zines und weniger für die „Großen“.
Interviews für große Magazine fallen aber oft „besser“ aus, weil die Gegebenheiten ganz andere sind. Man macht eben Interviews am Telefon und der Journalist kann dann auch schon mal nachhaken. Bei Mail-Interviews dagegen gleichen sich die Fragen oft und kurze Fragen laufen meist auf kurze Antworten hinaus. Das liest sich dann immer weniger schön, aber so ist es nun mal.

Zum Abschluss folgt noch eine Frage von einem unserer Leser: Wie steht Ihr zu dem oft noch anzutreffenden Konflikt zwischen Metal und Hardcore? In welcher der beiden Szenen fühlt Ihr Euch – wenn überhaupt – mehr zuhause?

Matthias: Wir sind in erster Linie alle Mitte und Ende der 80er/Anfang der 90er mit Metal groß geworden und erst später zu HC gekommen, aber als Band sind wir innerhalb der HC-Szene gewachsen und fühlen uns auch hier eher „zuhause“. Allerdings hat das mittlerweile eher mit alten Freundschaften zu tun, als mit einem wirklichen Zugehörigkeitsgefühl. Zu vielen Entwicklungen in der heutigen HC-Szene haben wir irgendwie keinen Bezug mehr und auch mit den neueren Leuten werden wir nicht so warm. Deswegen denken wir auch gar nicht mehr so in diesen Kategorien.
[yb] · 25.09.06 · 2828x gelesen 0 Kommentare


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