Bockmühlen Open Air 2004

Bockmühlen Open Air 2004

AeveronArbor IraEminenzHypnosJack Slater
Schöneck
04.07.2004
Sonnabend, der 26. 06. und wieder mal nix zu tun? Für solche Fälle hat irgendwer das Bockmühlen Open Air – liebevoll B.O.A. genannt und üblicherweise geduzt – erschaffen. Da ich zudem auf dem diesjährigen Fuck the Commerce unfreiwillig die Bekanntschaft mit dem Holzmichel machen mußte, ist mein Entdeckergeist geweckt und ich mache mich in Begleitung zweier ausgesuchter Vertreterinnen des schönen Geschlechts auf den langen Weg ins Vogtland. Dort lebt nämlich der Sage nach jenes Volk, dem wir diese randfichtige Sternstunde der volkstümlichen Unterhaltung (und sicher viele andere) verdanken. Ja, und eben das B.O.A..
Nach drei Stunden Bahnfahrt und nun endlich halbwegs munter erreichen wir gegen 15.30 Uhr Schöneck. Dieses Kleinod dichterischer Sinnlichkeit verschreckt den geneigten Homo Metallicus zunächst mit fast unwirklicher Leblosigkeit. Die Straßen – leer. Die Fenster der Häuser – leer. Geschäfte – zu. Menschen – weg. Nur ein einsamer Eismann steht am Park und schaut mit Sehnsucht im Blick auf die unerwarteten Gäste, die da mit Bierflaschen in der Hand auf seine Filiale zusteuern. - Bockmühle? Ja, da müsst ihr dort runter zur...nee, anders; ihr könnt auch, wenn ihr an der Kirche seid, dann links und immer geradeaus, ja...und dann seht ihr es auch schon...Flieger, grüß mir die Sonne...
Sagt der Eismann. Und er sollte recht behalten. Eine knappe halbe Stunde Fußmarsch und zwei Bier später erreichen wir ein 11-prozentiges Gefälle, heben das 4,9-prozentige Zwickauer Pils (sehr herb für ein süddeutsches Bier) zum 50-prozentig geöffneten Einfüllstutzen, wohl wissend: Da unten ist 100-prozentig das B.O.A. im Gange. Die letzten Meter vergehen wie im Flug, leise Proteste der Damen ("...meine Füße...“) werden galant ausgeblendet, und im strahlenden Glanze der Nachmittagssonne erreicht unsere tapfere kleine Schar das Gelände.
Am Gitter hängt ne Schlange. Wer jetzt errät, was für eine genau, der darf sich beim Schönecker Eismann ne Tüte Schoko kaufen. Oder Limone. Je nachdem, wie man sich gerade fühlt. Wir bezahlen erst mal 11 Euronen und treten ein. Die erste Band – COTTONBOMB aka MISSISIPPI COMA – hat leider schon gespielt und bleibt mir daher unbekannt. Also auf zu ARBOR IRA, einer etwas anderen (Black) Metal Band aus Lengenfeld. Die Songs gehen recht gut ab, geboten wird eine ansprechende Mischung aus schnellen, gekeiften Parts und teils klar intonierten Mitwippphasen. Bei den schleppenderen Abschnitten darf es dann hin und wieder auch mal ein wenig Gegrunze sein und der Sänger legt leichte Anflüge von Psycho an den Tag, die im sonnigen Vogtland allerdings unbehandelt verpuffen. Aber er kann ja nix dafür, dass hier der Himmel lacht. Zudem ist das Zuschauerfeld recht übersichtlich, was auch vor der Bühne nicht eben zu Gedränge führt. Lieber fährt man sich zu fairen Preisen ein paar Steaks ein, labt sich an Gerstensaft und Met und unterhält sich mit lange nicht Gesehenen (Hallo Dirk!). Der Gesamteindruck der düsteren, oberkörperfreien(...something por las chicas..., oder auch nicht...) Lengenfelder ist auf jeden Fall positiv, und wer nicht jede Band danach beurteilen muss, ob sie eine total neue avantgardistische Stilrichtung erfindet, sollte hier mal das eine oder andere Ohr riskieren.
ANGELUS MORTIS sind im Anmarsch und auch diese Band war mir bis zu ihrem heutigen Auftritt unbekannt. Mit zuweilen deutlich schwedischer Schlagseite wird hier schneller Death gezockt, Onkel Trash guckt auch mal vorbei und wenn's dann doch mal ein wenig ruhiger zugeht, darf das Keyboard orgeln. Also, jetzt nicht im Sinne von "zweckfrei Geräusch produzieren“; eher wegen der Art des Geräusches, also weil es eben oft dieser Orgelsound ist, der für Atmosphäre sorgen soll. Das ist dann auch schnell durchschaut und würde mich eventuell stören, wenn da nicht die echt gute Darbietung wäre. Ein haarloser Frontberserker, die gut zusammen spielende/ klingende Band und das Flair auf der Festwiese vermengen sich – zumindest für mich – zu einem sehr angenehmen, nostalgischen Ganzen. Ein bisschen wie damals auf dem Forbidden Zone...
Mittlerweile ist die zweite Flasche Met Opfer der totalen Vernichtung geworden (Die! Die!! DIE!!!) und ich bin gespannt, was mir wohl die PUPPETEERS zu sagen haben. Die machen "psychedelic grunge core“ (total neue avantgardistische Stilrichtung) und kommen aus der Stadt, die mal so hieß wie der eine von den beiden, die damals in England die knorke Idee hatten, sich die grauen englischen Tage mit dem Schreiben eines Manifestes zu vertreiben, auf dessen Grundfesten dereinst mal ein Staat entstehen sollte (offiziell), der mal eine Mauer gebaut hat, die dann aber doch nicht ganz so lange stehen blieb, wie eigentlich vorgesehen. Naja, egal. Jetzt heißt sie eh wieder anders, die Stadt. Und die PUPPETEERS machen auch keinen "grunge core“, sondern Punk'n'roll mit gelegentlichen Hardcore-Einschüben. Schnell. Langsam. Schneller. Schnell. Und immer ohne jede Härte. Punk halt. Das ist leider gar nichts für mich und so wünsche ich mir eine dreiviertel Stunde lang nur "lass sie Motörhead spielen, lass sie Motörhead spielen, lass sie doch bitte, bitte Motörhead...“ - sie tun's nicht. Mir ist einfach mal unklar, wer diese Band mit welcher Intention in eine derartige Zwangslage gebracht hat. Es sind keine Menschen anwesend, die auch nur entfernt Zielgruppenzugehörigkeit erahnen lassen und für die drei Protagonisten wäre es wahrscheinlich auch angenehmer gewesen, vor interessiertem Publikum aufzutreten. Zudem ist der Bierpegel noch längst nicht in den Sphären, wo man sich seine persönlichen Präferenzen bereitwillig noch mal durch den Kopf gehen läßt, um gegebenenfalls (für diesen einen Abend, eventuell) eine Ausnahme zuzulassen. Und solche eingerosteten Existenzen wie meine Wenigkeit, die den ganzen Auftritt lang nur auf Coversongs warten – das macht doch schlußendlich die beste Undergroundband mürbe...
Bleiben der Weg zum Bierstand und gespanntes Warten auf AEVERON aus Zwickau. Gegen 19.00 Uhr-und-ein-Bier ist es dann soweit; das Sixpack betritt die Bretter, um fortan mit einer äußerst genehmen Interpretation des melodischen Nackentodes zu begeistern. Unterstützt von dezenter Synthetik ist die Mugge doch immer schön brutal und der standesgemäß langbehaarte Sänger gurgelt sich fröhlich durch all die kleinen Nuancen jenseits von Tenor und Mezzosopran. Die klaren Einschübe sitzen zwar nicht immer wie ein Angestellter, aber ich bin eh nicht so der Fan von perfekten Konzerten – dafür gibt's ja Studioplatten, gelle? Für die Band muß der Auftritt einer sensorischen Offenbarung gleich kommen, denn was hier in der ersten Viertelstunde an Monitoring abgeht, ist der Wahnsinn: "Kannste mal den Bass auf meinem Monitor hochlegen, und unser Gitarrist hört nur noch Schlagzeug; ach ja, das Keybord mal bitte ganz weg, und bei mir bitte nur mal meine eigene Gitarre; kann ich mal mehr Gesang haben – ja, danke...“ - Hoecker, Sie sind raus. Die Kinderkrankheiten sind jedoch auch irgendwann vorbei, und so zocken sich die sechs angetrunkenen Zwölf durch ihr Schaffen, daß es eine wahre Freude ist. Auf jeden Fall eine empfehlenswerte Band, der man auch mal live und in Farbe huldigen sollte.
"Wie ich jetzt TOTHAMON verpasse.“
Ganz einfach. Ich geh da mal eben los und such was. Was rotes. Mit was drin, wo man draufdrücken kann. Und dann ändert sich so ein Bildschirm, woraufhin ich einfach noch mal was drücke. Und dann kommt da was raus, was ich vorher reingesteckt habe und dann geht die Klappe auf und bedrucktes Papier mit einem gewissen (aufgedruckten) Tauschwert wandert in meine Tasche. Und jetzt geh ich mal wieder zurück und trinke was und dann...
...hab ich TOTHAMON verpasst. Sollen aber gut gewesen sein. Scheiße.
Nach diesem persönlichen und auch journalistischen Debakel kommen JACK SLATER und erzählen mir offensichtlich von der Welt und was sie davon halten. Das geschieht recht laut und wird von grindigem Deathmetal adäquat untermalt. Während der holzfällerisch-hillbilly-haft anmutende Sänger es schafft, sich 45 Minuten in ein Mikrofon zu übergeben (rein metaphorisch!), lassen es die Kollegen ordentlich krachen und der Gitarrist auf der linken Seite gibt uns per Megafon von seinem Hunger Kunde. "Fleisch! Fleisch! Fleisch!“ schallt es durch's Auditorium, aber leider ohne Hasenkostüm. Das könnte daran liegen, daß der Band ein paar Eier fehlen; die Organisatoren kommen jedoch diesbezüglichen Anfragen "Können wir noch ein paar Eier auf die Bühne bekommen?!? Eier!“) nicht mal ansatzweise nach. DAS ist kein Service, liebe Gemeinde! Weitergrinden, immer weiter. Minuten später macht sich dann ungewohnter Ernst breit, als sich niemand findet, der auch nur annähernd über den Spielstand Holland – Schweden informiert ist. Erst spät sickert durch, daß es die verdammten Holzschuhschnitzer geschafft haben. Wenn's um Fußball geht, hass ich Holland wie die Pest...und JACK SLATER liefern hier großes Entertainment ab. Alles wie immer eigentlich, und morgen dann die Nackenschmerzen. Ach so: geiles Corpse Cover übrigens...
Abschließend beehrt uns dann noch seine EMINENZ. Von denen habe ich bisher nicht so viel Gutes vernommen und so hoffe ich mal, daß ich eines Besseren belehrt werde. Und tatsächlich: Die Jungs plus Mädel plus Heimvorteil sind engagiert bei der Sache, haben gute Songs im Gepäck und rocken für einen BM-Act erstaunlich gut durch die Schönecker Nacht. Natürlich gibt's das klassische Gerase und Gekeife, aber gerade die Gitarre glänzt desöfteren durch genreuntypische Läufe. Da ist teilweise eine gehörige Prise Powermetal im Spiel, wodurch das Ganze enorm an Reiz gewinnt. Zudem ist der Fronter hübsch böse und hat als Schmankerl auch noch etwas Blut mitgebracht, um das Fußvolk zu animieren. Die sind allerdings sowieso auf seiner Seite, wie ein Blick vor die Bühne beweist. Dort wird nämlich fleißig gemosht. Das Einzige, was ich hier nicht so toll finde, sind die Keyboards. EMINENZ verstehen es zwar, dieses Instrument songdienlich zu verwenden, aber es ist ziemlich schwer zu verstehen, warum man nicht vom typischen, sphärischen Last-Episode-deutscher-Black-Metal-Sound abgeht. Ihr wißt schon, welchen ich meine. Der geht doch echt nicht. Da kann man doch was gegen tun! Aber: Ansonsten stimmt hier eigentlich alles und ich werde vielleicht in Zukunft doch mal wieder auf ein Black Metal Konzert gehen.
Für uns ist jetzt Sense, weil kalt und müde und überhaupt; also wandern wir zurück in den Ort und quartieren uns bis zum Morgen in der dortigen Jugendherberge ein. Das ist echt gut und bringt einen auch weiter, oder so. HYPNOS sehen wir zwar nicht, aber zumindest schlafen sie in der gleichen Herberge und trotz ihres Rufes als Deathmetalgeschwader muß ich eines sagen: Sie sind schön leise.
Nach all diesen Eindrücken bleibt eigentlich nichts mehr zu sagen, außer: Gute Nacht und bis nächstes Jahr auf dieser sympatischen Zielgruppenveranstaltung.

Preise:
Eintritt: 8,- (bis 15.00 Uhr); dann 11,-
Bier: 2,- (hell, dunkel)
Met: 5,- (Flasche 0,75 l)
Essen: Bratwurst 1,60; Steak 2,-

www.boa-openair.de
www.hypnos.cz
www.aeveron.com
www.tothamon.de
www.jack-slater.de
www.eminenz-germany.de
www.angelus-mortis.de
www.arbor-ira.de
www.bluescore.de

Bericht: Ralf Scheidler
Fotos: Kirstin Scheidler

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