Caleya - Trümmermensch

Caleya - Trümmermensch
Emocore
erschienen am 08.04.2011 bei Midsummer Records
dauert 41:14 min
Bloodchamber-Wertung:

Tracklist

1. Aporie
2. Archetyp
3. Apogaeum
4. Anima
5. Akrasia
6. Amygdala (Bonus)

Die Bloodchamber meint:

Dieses Mal ist es was Persönliches! Und als ausführender Rezensent muss ich zu Beginn dieses Reviews meine Verwunderung eingestehen. CALEYA waren mir lange kein Begriff, das Debüt "These Waves Will Carry Us Home" ist mir nach wie vor unbekannt. Doch eine ganze Reihe an Stichwörtern, die man der Rezension des Vorgängers entnehmen kann, sprachen mich unmittelbar an. Gesagt, getan, CD besorgt und gehört und gestaunt - und das nicht schlecht.

Erinnert sich hier noch jemand an die 90er? Die Zeit, in der die Metalszene einen schweren Schlag bekommen hat, die Spandexhosen aus der Mode kamen und krachige Gitarren auf einmal mit depressiven Jungs in Holzfällerhemden assoziiert wurden? In diesen Jahren blühte etwas auf, das für alle Zeitzeugen den Begriff "Emo" zum Gegenteil eines Schimpfwortes macht. Aus der Hardcore-Szene der 80er mit allem Straight Edge und Großmanngetue ist eine DIY-Szene entwachsen, deren Musik um einiges krasser und um vieles schöner war als das auf Dauer stumpfe Geboller des klassischen Hardcore. Lange Zeit habe ich diese Musik für ein inzwischen historisches Relikt gehalten, zumal sich dann alles, was "emo" war, plötzlich über die GET UP KIDS und MY CHEMICAL ROMANCE in eine schlimme und poppige Richtung entwickelte.

Zum Album: CALEYA haben mich das Staunen gelehrt, denn dieser Sound der 90er lebt fort, auch wenn es sich natürlich nicht mehr genau so anhört wie das, was damals z.B. über Ebullition Records veröffentlicht wurde. Es wird Hardcore geboten, der zutiefst emotional ist, der unter die Haut geht, der Schönheit und Verzweiflung vereint. Musik, die auf allzu klassische Songaufbauten verzichtet und vielmehr einen Fluss der Gefühle abbildet, ohne dabei Scheu vor vielleicht auch leicht kitschigen Momenten zu haben. "Trümmermensch" hört man sehr deutlich an, wo die Wurzeln liegen. Bandnamen wie ICONOCLAST, STILL LIFE oder die obskure deutsche Truppe AGE klingen an, allerdings in deutlich modernisierter Form. CALEYA bieten Melodien, ohne dass es etwas zum Mitsingen gäbe. Sie bieten Noise, ohne dabei zerfahren und übermäßig anstrengend zu sein. Hier gibt es Komplexität, ohne dass es verkopft würde. Und wenn man ein abgedroschenes Klischee bemüht, dann wünscht man sich bei einem Konzert einer solchen Band einen Sänger, der sich mit dem Mikrokabel stranguliert und die letzten drei Songs in Embryonalstellung auf der Bühne liegend all die Ungerechtigkeit der Welt aus sich heraus kotzt.

Abgesehen von all diesen wunderbaren Zeitreiseelementen, bei denen ich mich persönlicher Sentimentalitäten erwehren muss, gibt es aber auch Kritik, wenn auch keine fundamentale. Sänger Tobias Lietz macht seinen Job grundsätzlich mehr als ordentlich und hat eine tolle und vielfältige Stimme. Seine Screams sind markerschütternd und auch das Potenzial seiner Sprech- und Singstimme ist üppig. Allerdings hat er die Angewohnheit, allzu oft innerhalb eines Verses von den klaren Vocals in Geschreie zu kippen. Als technisches Stilmittel ist das eine feine Angelegenheit, doch wird es auf "Trümmermensch" teilweise überstrapaziert. Das Songmaterial ist auch nicht komplett auf einem Level. "Anima" ist eine Nummer, die einfach nur unter die Haut geht, doch ist der Einstieg ins Album vergleichsweise zäh.

Insgesamt ist "Trümmermensch" ein gelungenes Album, das in einigen Passagen exzellent ist. Wer noch einen intensiven und weniger metallischen Soundtrack für seinen Weltschmerz, den Herbst oder die in die Brüche gegangene Beziehung braucht, sollte hier dringend mal reinhören. Und ich gelobe hiermit feierlich, mir in Bälde das Debüt zu besorgen, denn grundsätzlich schreit das alles nach mehr.
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